{"id":9087,"date":"2021-06-24T11:30:00","date_gmt":"2021-06-24T09:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/insurlab-germany.com\/?p=9087"},"modified":"2022-08-18T13:54:41","modified_gmt":"2022-08-18T11:54:41","slug":"das-unterschaetzte-optimierungspotenzial-der-versicherungsbranche-frauenhofer-institut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/insurlab-germany.com\/de\/das-unterschaetzte-optimierungspotenzial-der-versicherungsbranche-frauenhofer-institut\/","title":{"rendered":"\u00bbDas untersch\u00e4tzte Optimierungspotenzial der Versicherungsbranche\u00ab | Fraunhofer IAIS"},"content":{"rendered":"\r\n<p><em>Seit Anfang des Jahres ist das Fraunhofer-Institut f\u00fcr Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS Mitglied der InsurLab Germany Community. Dr. Rafet Sifa ist Leiter des Gesch\u00e4ftsfeldes Cognitive Business Optimization, stv. Leiter der Abteilung Media Engineering und Lead Data Scientist am Fraunhofer IAIS. Im Interview spricht er \u00fcber das untersch\u00e4tzte Potenzial von K\u00fcnstlicher Intelligenz (KI) f\u00fcr die Versicherungsbranche und wo er insbesondere verst\u00e4rkter auf KI-L\u00f6sungen setzen w\u00fcrde.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>Wir reden heute \u00fcber untersch\u00e4tzte Einsatzm\u00f6glichkeiten von K\u00fcnstlicher Intelligenz in der Versicherungsbranche. Wieso ist dir das Thema so wichtig?<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Einer der Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr den Einsatz von KI in der Versicherungsbranche ist die Optimierung der Customer Experience. Es gibt bereits viele innovative L\u00f6sungen daf\u00fcr, wie zum Beispiel Chatbots oder Self-Service-Portale. Leider habe ich aber schon vermehrt geh\u00f6rt, dass insbesondere Chatbots nicht die Resonanz bei Kunden hervorgerufen haben, die sich Versicherer erhofft haben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es eine gewisse Grundskepsis und Unzufriedenheit gegen\u00fcber KI-basierten L\u00f6sungen gibt. Manche \u00bbglauben\u00ab pauschal nicht an KI als L\u00f6sung. Das spiegelt sich auch in den Zahlen: Laut einer Studie von Capgemini aus dem Jahr 2020 nutzt derzeit nur eine Minderzahl von Unternehmen KI-L\u00f6sungen. <a href=\"https:\/\/www.capgemini.com\/de-de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/11\/Report-AI-in-CX-FS.pdf\">Lediglich 5 Prozent der Banken und 6 Prozent der Versicherer<\/a> treten \u00fcber KI-gest\u00fctzte Anwendungen mit ihren Kunden in Kontakt. Es werden kleinere Proof-of-Concepts eingesetzt, aber vergleichsweise wenig KI-Anwendungen tats\u00e4chlich live geschaltet.\u00a0 Als gr\u00f6\u00dfte H\u00fcrden werden uns von Kunden insbesondere der Datenschutz bzw. die Regulatorik \u2013 Stichwort \u00bbtrusted AI\u00ab \u2013 und die mit der Implementierung verbundenen Kosten genannt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die aktuelle Lage der Branche ist, dass die meisten deutschen Versicherungsunternehmen in den letzten Jahren im internationalen Vergleich eher unterdurchschnittlich abgeschnitten haben. Was Digitalisierung und Innovation angeht, ist der Standort Deutschland sicherlich kein Vorreiter. Datengetriebene Unternehmensmodelle sind die Zukunft. Um relevant zu bleiben, m\u00fcssen Versicherer Big Data effizienter auswerten und mit Hilfe der daraus gewonnenen Erkenntnisse bereichs\u00fcbergreifende Optimierungspotenziale realisieren. Trotz der unzufriedenstellenden Ersterfahrungen mit KI sollte man weiter investieren, Talente f\u00f6rdern und die notwendige Infrastruktur aufbauen. Jetzt ist es wichtig, dass deutsche Unternehmen am Ball bleiben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>Wo w\u00fcrdest du mit euren KI-L\u00f6sungen ansetzen?<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Digitalisierung ist nichts Neues f\u00fcr die Versicherungsbranche. Wie ich schon erw\u00e4hnt habe, gibt es viele innovative L\u00f6sungen, um Customer Experience effizienter und besser zu gestalten. Versicherer treten heutzutage im Frontend moderner mit Kunden in Kontakt. Klar gibt es auch hier noch Optimierungspotenziale, aber ich denke, dass dabei viele Prozesse und veraltete Systeme im Backend liegen geblieben sind, die definitiv \u00dcberholungsbedarf haben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Beispielsweise wird bei der Dunkelverarbeitung zwar schon einiges automatisiert, aber die Regelwerke, die daf\u00fcr verwendet werden, sind oftmals so komplex und aufgebl\u00e4ht, dass Anpassungen zur weiteren <a href=\"https:\/\/inserve.de\/2020\/11\/19\/dunkelverarbeitung-in-versicherungen-mit-ki\/\">Automatisierung zu teuer und zu lange dauern<\/a>. Dadurch h\u00e4ngt die Automatisierung der Dunkelverarbeitung hinter dem schon modernisierten Frontend zur\u00fcck. Dieses Problem k\u00f6nnte man durch den Einsatz von KI l\u00f6sen, da diese anhand von Beispielen den Prozess der Dokumentverarbeitung erlernen und verstehen. Einzelne Regeln zu ver\u00e4ndern, stellt kein Problem dar, da die KI die Systematik verstanden hat und ohne aufw\u00e4ndige Nachjustierungen weiter funktioniert. Hier gibt es noch viel Potenzial f\u00fcr den Einsatz von KI um Verwaltungskosten stark zu senken.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>Du leitest das Gesch\u00e4ftsfeld <\/strong><strong>\u00bb<\/strong><strong>Cognitive Business Optimization<\/strong><strong>\u00ab<\/strong><strong>. Was kann ich mir genau darunter vorstellen?<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich bin eben auf das oftmals untersch\u00e4tzte Optimierungspotenzial der Branche eingegangen und genau hierf\u00fcr sind wir Expert*innen. Wir besch\u00e4ftigen uns im <a href=\"https:\/\/www.iais.fraunhofer.de\/de\/geschaeftsfelder\/cognitive-business-optimization.html\">Gesch\u00e4ftsfeld \u00bbCognitive Business Optimization<\/a>\u00ab mit der Optimierung und Automatisierung von Prozessen. Mit Hilfe von State-of-the-Art-Verfahren und Methoden der K\u00fcnstlichen Intelligenz k\u00f6nnen wir betriebswirtschaftliche Informationen und Kennzahlen automatisch analysieren. Unsere KI-basierten L\u00f6sungen entnehmen daf\u00fcr alle relevanten Informationen, beispielsweise aus Vertr\u00e4gen oder Gesch\u00e4ftsberichten, und pr\u00fcfen diese auf ihre Konsistenz und Plausibilit\u00e4t. Unsere Dienstleistung ist immer kundenspezifisch zugeschnitten, so k\u00f6nnen wir die zu filternden Informationen und Kennzahlen individuell an die Kundenbed\u00fcrfnisse anpassen. Das, was an Informationen \u00fcbrig bleibt, kann man daraufhin automatisch in einem Bericht oder einer \u00dcbersicht zusammenfassen lassen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>Das h\u00f6rt sich auf jeden Fall vielversprechend an. Wie kommen eure KI-basierten L\u00f6sungen denn schon zum Einsatz?<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Es ist wirklich vielversprechend und einfach unheimlich spannend, sich mit den aktuellen technologischen Trends zu besch\u00e4ftigen. Um die Use Cases von unseren KI-basierten L\u00f6sungen etwas verst\u00e4ndlicher zu machen, erz\u00e4hle ich gerne von einem Projekt f\u00fcr einen unserer letzten Kunden. Wir haben f\u00fcr den Wirtschaftspr\u00fcfer PricewaterhouseCoopers GmbH ein Tool zur \u00dcberpr\u00fcfung der Konsistenz und Vollst\u00e4ndigkeit von Jahresabschlussanh\u00e4ngen und Finanzberichten entwickelt. Daf\u00fcr musste unsere KI einige wesentliche Fragen beantworten k\u00f6nnen:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<ol class=\"wp-block-list\" type=\"1\">\r\n<li>Wie beurteilt ein Wirtschaftspr\u00fcfer \u00fcberhaupt, ob ein Dokument vollst\u00e4ndig ist oder nicht?<\/li>\r\n<li>Welche KPIs und Textpassagen sind relevant, um die Vollst\u00e4ndigkeits- bzw. die Konsistenzfrage zu beantworten?<\/li>\r\n<li>Wie finden wir relevante Textpassagen und KPIs in den Dokumenten? An einer Stelle oder verstreut \u00fcber mehrere Abschnitte und Dokumente?<\/li>\r\n<li>M\u00fcssen relevanten Information im Kontext zu anderen Textpassagen interpretiert werden?<\/li>\r\n<li>Wie identifiziert man Ausrei\u00dfer beziehungsweise Anomalien?<\/li>\r\n<\/ol>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Bei der Entwicklung haben wir das Fachwissen der Wirtschaftspr\u00fcfer mit einbezogen, sodass der Entscheidungsprozess eines Pr\u00fcfers abgebildet werden kann. Unser Tool analysiert jede einzelne Transaktion, jeden Nutzer, jede Summe und jeden Account, um Anomalien aufzudecken. Der Pr\u00fcfungsprozess wurde dadurch <a href=\"https:\/\/www.pwc.de\/de\/im-fokus\/digitale-abschlusspruefung\/unsere-tools.html#ali\">wesentlich effizienter und sicherer<\/a>. Du kannst dir sicherlich vorstellen, dass einige Fragen, die unsere KI beantworten musste, nicht nur f\u00fcr Wirtschaftspr\u00fcfer relevant sind. Es gibt vergleichbare Arbeitsschritte in allen Branchen. \u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>Es gibt auf jeden Fall noch viel Potenzial zur Prozessoptimierung in der Branche. Dabei bekommen aber einige Angst, dass ihr Job schon bald durch eine KI ersetzt werden k\u00f6nnte. Wie stehst du dazu?<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Das ist leider eine sehr verbreitete Meinung. Dabei denken viele an dystopische Szenarien, wie sie oftmals in Hollywood-Filmen dargestellt werden. Ich kann jedoch versichern, dass es in absehbarer Zukunft zu keiner \u00dcbernahme von Skynet kommen wird. (lacht)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Aber jetzt mal ernsthaft. Auch in Zukunft werden weiterhin Menschen gebraucht. Eine Studie vom <a href=\"https:\/\/www.mckinsey.com\/featured-insights\/future-of-work\/jobs-lost-jobs-gained-what-the-future-of-work-will-mean-for-jobs-skills-and-wages\">McKinsey Global Institute<\/a> geht davon aus, dass circa 5 Prozent der Jobs bis 2030, wie wir sie heute kennen, wegfallen werden. Wiederum andere Quellen prognostizieren, dass die H\u00e4lfte aller Jobs wegfallen werden. Genaue Vorhersagen sind nicht m\u00f6glich. Manche Jobfelder und Wirtschaftssektoren werden nat\u00fcrlich st\u00e4rker betroffen sein als andere. Aber vorerst muss man sich die Frage stellen, ob eine KI-L\u00f6sung \u00fcberhaupt sinnvoll ist. Das h\u00e4ngt n\u00e4mlich immer vom Einzelfall ab, unter anderem von der Quantit\u00e4t und Qualit\u00e4t der Daten, mit denen wir unseren Algorithmus trainieren k\u00f6nnen und wie komplex das zu l\u00f6sende Problem ist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong><em>\u00bb<\/em><\/strong><strong><em>Man sollte KI nicht als Bedrohung, sondern als Chance sehen.<\/em><\/strong><strong><em>\u00ab<\/em><\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Mit Hilfe von KI k\u00f6nnen uns monotone und repetitive Aufgaben abgenommen werden, was sich positiv auf das psychische Wohlbefinden von Arbeitnehmer*innen auswirken kann. Der Mensch wird sich so immer mehr kreativen Aufgaben widmen k\u00f6nnen. Ich glaube, damit tut man vielen Menschen einen Gefallen. \u00a0Denn was Kreativit\u00e4t angeht, ist der Mensch ganz klar unersetzbar. Au\u00dferdem nimmt KI nicht nur Arbeitspl\u00e4tze weg, sondern schafft nat\u00fcrlich auch neue. Damit datengetriebene Unternehmensmodelle in Zukunft auch funktionieren, werden wir viele Menschen brauchen, die sich mit der Administration von KI-Anwendungen und mit der Interpretation von Daten auskennen &#8211; sogenannte \u00bbCitizen Data Scientist\u00ab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>Und zu guter Letzt: Was erhoffst du dir von der InsurLab Germany Mitgliedschaft?<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Wir wollen mit unseren innovativen L\u00f6sungen und Know-how Versicherer von KI \u00fcberzeugen und somit die Digitalisierung der Branche vorantreiben. Ich bin mir sicher, dass in allen Bereichen noch unausgesch\u00f6pfte Optimierungspotenziale bestehen, bei denen wir mit unseren KI-L\u00f6sungen unterst\u00fctzen k\u00f6nnen. Damit Versicherer auch in Zukunft verst\u00e4rkt von KI profitieren k\u00f6nnen, m\u00fcssen bereichs\u00fcbergreifende Optimierungspotenziale aber auch identifiziert werden. Ich hoffe, dass dieser Beitrag zum Nachdenken anregt und der oder die eine sich etwas bewusster geworden ist, wo man vielleicht mit KI-L\u00f6sungen ansetzen k\u00f6nnte.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Anfang des Jahres ist das Fraunhofer-Institut f\u00fcr Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS Mitglied der InsurLab Germany Community. Dr. Rafet Sifa ist Leiter des Gesch\u00e4ftsfeldes Cognitive Business Optimization, stv. Leiter der Abteilung Media Engineering und Lead Data Scientist am Fraunhofer IAIS. 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